Der Klumpensonntag stand bei uns schon von jeher im Zeichen der tätigen Solidarität: Ein Einsatz für den guten Zweck mit unseren flinken Händen und Füßen. In den Wochen vorm Klumpensonntag 2019 wollen wir mit einer kleiner Artikelreihe zurückblicken auf die Aktionen der Rheder Pfadfinder aus den letzten 7 Jahrzehnten.

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(Pfadfinder aus Ruanda zu Besuch auf einem Vardingholter Bauernhof)

Darf Pfadfinderei politisch sein? Soll sie es vielleicht sogar? Zum verbandsweiten Leiterkongress 1984 fand der damalige Bundesvorsitzende Anton Markmiller klare Worte: „Pfadfindertum versteht sich als eine Erziehungsbewegung, die sich den Auftrag setzt, junge Menschen in einer kritischen Weltsicht zu erziehen und die Mitverantwortung des einzelnen für die sozialen, politischen, religiösen und ökonomischen Aspekte der Gesellschaft bewußt macht und zum verantwortlichen Handeln anregt.“ Dieses Selbstverständnis wurde bis Ende des Jahrzehnts in der Vereinsordnung festgeschrieben - und auch in den sich wandelnden Themen der Jahresaktion merkt man das.

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(Die Jahresaktionen seit 1990)

Die DPSG war seit 1978 über eine Partnerschaft mit den ruandischen Pfadfindern ASR eng verbunden. Schon 1980 griff man in Rhede den afrikanischen Freunden mit flinken Händen und Füßen unter die Arme: Scoutisme Utile, also nützliche Pfadfinderei, war das Motto der damaligen Jahresaktion, durch das Gelder für den Bau von Gesundheitszentren in Ruanda gesammelt wurde. In diesem Jahr wurde ein eigener Stand auf der Kirmes eröffnet, um auf die Lage in Ruanda aufmerksam zu machen. Als der Bürgerkrieg in den 90ern schwelte, entschieden die Rheder Pfadfinder sich erstmals dazu, eine Jahresaktion abseits der wechselnden Themen des Dachverbandes über mehrere Jahre zu tragen. 1991 und 1992 sammelten sie mit flinken Händen und Füßen Geld für Straßenkinder.

1993 besuchten insgesamt 33 Pfadfinder der ASR für 4 Wochen ihre Deutschen Vereins-Genossen. Der Stamm Rhede wollte damit der örtlichen Bevölkerung klar den Spiegel vorhalten: „Es gibt Dinge, die sich hier bei uns ändern müssen, um eine gerechte Welt zu schaffen.“, erklärt Michael Rössing seinerzeit in einem Presseinterview. Die Devise des Besuchs: „Deutschland – Entwicklungsland.“ Von den "Schwarzen Scouts" erlangten die Rheder Pfadis bei ihrer Rundführung durch örtliche Landwirtschaft, Verkehrs-Infrastruktur, Altenheim, Schule und Psychatrie auch einige Impulse über die Missstände der westlichen Wohlstandsgesellschaft – raus aus der Moderne, könnte man mit Baden-Powell sagen…

Im April 1994 eskalierte der noch schwelende Konflikt erneut, als das Flugzeug des ruandischen Staatspräsidenten von Unbekannten abgeschossen wurde. Der Tod des Regierungsführers wurde zum Anlass für wohl koordinierte gewaltsame Ausschreitungen, die sehr schnell das bekannte Maß von „Hetze“ überschritten: Binnen einer halben Stunde begannen die Morde, die sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit über 2 Monate hinziehen sollten. Der Verband war alarmiert: Die Pfadfinder der ASR schwebten in Gefahr, denn sie zählten in jedem Fall zu den Oppositionellen, gegen die sich der beginnende Völkermord richtete. Als die DPSG-Bundesleitung die Initiative ergriff, um ihre Freunde aus Ruanda nach Deutschland zu retten, stießen sie nur auf Hindernisse: „Hinter Paragraphen verschanzt“ habe man sich, urteilt eine Aufarbeitung der Ereignisse durch die DPSG über die Reaktionen der Bundesregierung. Erst durch Unterstützung der überregionalen Presse und des Bundeslandes Rheinland-Pfalz gelang die Aufnahme von 22 ruandischen Pfadfindern, die im Bundeszentrum Westernohe eine vorläufige neue Heimat fanden.

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(Das Aktionsheft zur Jahresaktion "Weltoffen statt kleinkariert")

Nach dem Völkermord gingen auch die Rheder Pfadfinder auf die Straße: Die Jahresaktion „weltoffen statt kleinkariert“ wurde kurzerhand in die andauernde Beteiligung von „Komera Rwanda“ umgedeutet. Am 3. September beging der Stamm einen Aktionsmarsch, mit dem trotz strömendem Regen 7000 DM an Sponsorengeldern für das Bürgerkriegsland gesammelt werden konnten -  stolze 5% des bundesweiten Gesamtergebnisses der Jahresaktion.

Dabei ging es nicht mehr allein um die tätige Solidarität:  Deshalb verteilten die Pfadfinder zu der Aktion auch ein Aktionsheft mit entsprechenden Informationsmöglichkeiten und der Aufforderung, mit der DPSG in Kontakt zu treten, um mehr zu erfahren. Der ruandische Flüchtling Ananie Bizimana sprach in einer von den Pfadfindern organisierten Podiumsdiskussion vor der Rheder Öffentlichkeit mit klaren Worten über die Verhältnisse in seiner Heimat. „Es wichtig, daß man hinter die Dinge schaut und sich für die Ursachen den Konfliktes interessiert.“

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(Der Solidaritäts-Aufnäher auf der Kluft von André Grunden)

"Solidarität mit Ruanda" blieb noch für viele Jahre ein prägender Bestandteil der pfadfinderischen Alltags - in Rhede und Anderswo. Selbst heute tragen viele von uns die Zeichen dieses Engagement mit sich herum: Ein entsprechender Aufnäher, dessen Anschaffungskosten dem afrikanischen Land zuflossen, blieb noch bis weit in die 2000er hinein eine quasi selbstverständliche Investitition für die eigene Kluft.

 

In der nächsten Woche erreichen wir das neue Jahrtausend - und gehen auf eine kleine Weltreise.

Hier geht es zu Teil 5.

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